Osnabrück beginnt mit dem Bau von Luftschutzstollen

Eingangsbauwerk Stollen Wakhegge

Ein Eingangsbauwerk des Stollensystems Wakhegge in einem Privatgarten am Richthofenweg an der Wakhegge. Von hier aus führt eine steile Treppe hinab in den Bunker.

Haubrock, 2013

Der Eintritt der USAAF in den Luftkrieg über Europa und die massive Ausweitung der Luftangriffe auf Osnabrück seit August 1942 erforderten dringenden Handlungsbedarf in Hinblick auf neue Luftschutzanlagen im Stadtgebiet. Immerhin kamen zu diesem Zeitpunkt auf einen bombensicheren Schutzplatz in Osnabrück noch ca. 60 Schutzsuchende. Durch den Bau von massiven Hoch- und Tiefbunkern war eine flächendeckende Schutzraumversorgung in absehbarer Zeit jedoch nicht zu erreichen. Es fehlte nicht nur an geeignetem Baumaterial, sondern auch an Fachkräften, welche eine solche Vielzahl von massiven Betonbunker hätten errichten können. Auch der zeitliche Aspekt spielte eine große Rolle, waren diese Bunker doch erst betriebsbereit, sobald die massive Abschlussdecke fertiggestellt war.

Es mussten also Alternativen erdacht werden, welche kurzfristig, kostengünstig und mit wenig Material- und Arbeitsaufwand realisierbar waren. Viel Spielraum blieb der Stadt damit nicht. Das Bauamt entschloss sich letztlich zu einem gewagten Schritt, der aus heutiger Sicht wohl dem Großteil der Osnabrücker Bevölkerung das Leben gerettet haben dürfte; dem Bau von rund 40 Luftschutzstollen für zehntausende Menschen. Die Idee der Schutzstollen war simpel und stellte sich alsbald sogar als äußerst effizient heraus. Da das Stadtzentrum von Bergen und Hügeln umgeben ist, war die erste Bedingung zum Bau solcher Stollenbunker bereits erfüllt. Auf einfache Weise konnten am Fuße der Hügel vielerorts sogenannte Hangstollen geradlinig in den Berg getrieben werden, ohne vorab größere Schächte abteufen und Grubenwasser abführen zu müssen, wie dies etwa bei Tiefstollen der Fall war. Die natürliche Felsüberdeckung (vorwiegend Keuper und Muschelkalk) sorgte hierbei für einen ausreichenden Schutz vor Sprengbomben. Durch das Auffüllen des Geländes durch herausgebrochenes Gestein konnte die Überdeckung hierbei sogar noch ohne größeren Kostenaufwand erhöht werden. Des Weiteren benötigten die Eingangsbauwerke von Stollenbunkern wesentlich weniger Baufläche als dies etwa bei Hoch- oder Tiefbunker der Fall gewesen wäre. Auch konnte durch den Bau von Stollen sogar noch ein wesentlicher Vorteil gegenüber Stahlbetonbunkern erreicht werden, denn die aus dem Fels gebrochenen Felsengänge konnten bereits vor der Vollendung der Anlage in den Zivilschutz integriert werden und damit schon nach kurzer Bauzeit für die Bevölkerung schrittweise freigegeben werden. Theoretisch waren diese Stollensysteme zudem auch nach der planmäßigen Fertigstellung noch beliebig erweiterbar, so dass die Architekten auf Veränderungen im Bedarfsplan jederzeit reagieren konnten.

Ein Problem der Stadt war jedoch, dass von staatlicher Seite zunächst nicht mit einer Unterstützung dieser Bauvorhaben zu rechnen war, da diese geplanten Stollengänge nicht den gängigen L.S.-Vorschriften entsprachen bzw. zu dieser Zeit noch keine diesbezüglichen technischen Bestimmungen existierten. Die Stadtverwaltung, unter Führung des damaligen Bürgermeisters Dr. Gaertner und des Leiters des Sicherheits- und Hilfsdienstes (ab 1942 “Luftschutzpolizei”) Alfred Jung, ließ sich hiervon jedoch nicht beirren und erteilte noch im Februar 1943 auf eigene Kosten und in Eigenverantwortung den Auftrag für zunächst vier Stollenbunker: In den Heidekämpen, an der Wakhegge, im Natruper Steinbruch auf dem Westerberg und am Klushügel (Buersche Straße). Erst als sich die Bauvorhaben als äußerst effizient herausstellten, lenkte das für Osnabrück zuständige Luftgaukommando Hamburg ein und erteilte seinerseits den Auftrag zum Ausbau des Bunkersystems Klushügel auf zunächst 1.000 Schutzplätze.

Da in Osnabrück zu Beginn der Baumaßnahmen aber kaum Fachpersonal mit Erfahrung im Grubenbau verfügbar war, mussten Bergleute aus dem Umland herangezogen und Sprengmeister neu angelernt werden. Auch die Bevölkerung wurde aufgerufen die Baumaßnahmen aktiv zu unterstützen. Notwendiges Arbeitsgerät musste von der Stadt hinzugekauft werden. Insbesondere war man hier auf Kompressoren angewiesen, von denen bis Kriegsende immerhin etwa 30 Stück beschafft werden konnten.

Trotz anfänglicher Hürden nahm der Bau der Stollenbunker in Osnabrück rasch Fahrt auf. Man rechnete für das Jahr 1944 bereits mit einem Stollen-Vortrieb je Arbeitsstelle von 0,5 bis 1,5 Stollenmetern pro Tag. Hierbei sei anzumerken, dass in einem Stollenbunker durchaus mehrere Arbeitsstellen in Betrieb sein konnten, also an mehreren Stollengängen gleichzeitig gearbeitet wurde. Um einen reibungslosen Ablauf zu bewerkstelligen arbeitete man hierbei in mehreren Schichten. Tagsüber wurde gesprengt und das herausgebrochene Gestein ausgeräumt, in der Nacht ausgemauert. Man konnte auf diese Weise Platz für bis zu sechs neue Schutzplätze pro Tag und Arbeitsstelle schaffen.

Hinweis zur Chronik

Bitte beachten Sie, dass die hier aufgeführten Informationen zu den Ereignissen in Osnabrück während des 2. Weltkriegs nur ein "Beiwerk" sind und nicht in dem Maße gepflegt werden, wie es vielleicht wünschenswert wäre. Selbstverständlich versuchen wir hier eine gewisse Hintergrundbasis zu schaffen, aber wir können in diesem Umfang kein vollumfängliches Werk anbieten. Dafür fehlt es uns schlicht an Zeit und "Manpower".
Wer sich intensiver mit der Geschichte Osnabrücks beschäftigen möchte, dem empfehlen wir entsprechende Fachliteratur oder ein Besuch im Kulturhistorischen Museum. Vielen Dank für Ihr Verständnis.